Ein schwerer Chemieunfall an der hessisch-bayerischen Grenze hat am Dienstagabend einen großangelegten Rettungseinsatz ausgelöst. In einem Industriebetrieb im unterfränkischen Mainaschaff, unmittelbar neben Aschaffenburg, kam es zu einem folgenschweren Zwischenfall: Bei einer chemischen Reaktion entstand eine dichte, orangefarbene Gaswolke, die sich über das Stadtgebiet ausbreitete und in mehreren Ortsteilen Warnungen per App auslöste. Darüber berichtet SoFrankfurt unter Berufung auf op-online.de.
Nach Angaben der Einsatzleitung waren rund 250 Kräfte von Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei im Einsatz. Gegen 18.23 Uhr wurde Alarm ausgelöst, nachdem Zeugen eine massive, orangefarbene Wolke über dem Gelände bemerkt hatten. Die Bevölkerung wurde über Warn-Apps wie NINA vor einer „möglicherweise giftigen Rauchwolke“ gewarnt. Es bestand „extreme Gefahr“, hieß es in der Mitteilung des Bundesamts für Bevölkerungsschutz. Anwohnerinnen und Anwohner wurden aufgefordert, Fenster und Türen geschlossen zu halten, Kinder und hilfsbedürftige Personen ins Haus zu holen und Durchsagen der Behörden zu beachten.
Wie die Feuerwehr mitteilte, ereignete sich der Störfall in einem Galvanikbetrieb, in dem rund 6.500 Liter Salpetersäure gelagert waren. Ersten Erkenntnissen zufolge fiel ein Metallstück in eines der Säurebäder, wodurch eine heftige chemische Reaktion ausgelöst wurde. Dabei entwichen nitrose Gase – eine Mischung aus Stickstoffoxiden, die als stark giftig gelten und farblos bis braun erscheinen können. Sie besitzen einen süßlich-ätzenden Geruch und können auch Stunden nach dem Einatmen schwere Lungenschäden verursachen.
Zwei Mitarbeiter des Betriebs kamen mit dem chemischen Stoff in Kontakt. Sie erlitten leichte Verletzungen und wurden ambulant behandelt. Der genaue Zustand der beiden Betroffenen ist stabil. Weitere Verletzte wurden nicht gemeldet. Die Feuerwehr führte im Umkreis von fünf Kilometern Luftmessungen durch, konnte jedoch zunächst keine erhöhten Schadstoffwerte feststellen. Die Messungen sollen über Nacht fortgesetzt werden, um ein mögliches Gesundheitsrisiko auszuschließen.
Während des Einsatzes wurde die Unglücksstelle durch intensives Kühlen unter Kontrolle gebracht. Laut Einsatzkräften wandelte sich die orangefarbene Gaswolke im Verlauf des Abends in weißen Wasserdampf, was auf eine Beruhigung der chemischen Reaktion hindeutet. Dennoch blieb die Warnung für mehrere Stadtteile – darunter Mainaschaff, Aschaffenburg-Damm, -Österreicher Kolonie, -Leider und -Strietwald – zunächst bestehen. Erst später konnte sie für einige Gebiete wie Nilkheim, Schweinheim und die Innenstadt aufgehoben werden.
Nach bisherigen Erkenntnissen ging von der Gaswolke keine akute Gefahr mehr aus, doch die Einsatzkräfte warnten vor Leichtsinn. Der Feuerwehrsprecher betonte, dass nitrose Gase tückisch seien, da Symptome einer Vergiftung häufig erst nach Stunden auftreten. Bewohner sollten daher auch nach der Entwarnung aufmerksam auf Atembeschwerden oder Reizungen reagieren und im Zweifel ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen.
Mainaschaff grenzt unmittelbar an Aschaffenburg und liegt wenige Kilometer von der hessischen Landesgrenze entfernt. Der Vorfall führte auch im angrenzenden Rhein-Main-Gebiet zu erhöhter Aufmerksamkeit. Der Aschaffenburger Katastrophenschutz lobte das schnelle Eingreifen der Wehren und die reibungslose Koordination der Leitstellen. Eine detaillierte Ursachenanalyse wurde eingeleitet; Experten des Landesamts für Umwelt sind inzwischen vor Ort, um Proben zu sichern.
Der Chemieunfall erinnert an frühere Vorfälle in der Region, bei denen industrielle Prozesse mit Säuren oder Metallen unvorhersehbare Reaktionen ausgelöst hatten. Fachleute mahnen seit Jahren zu strengeren Sicherheitsvorkehrungen in galvanischen Betrieben, insbesondere im Umgang mit großen Säurevolumina.
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Foto von Ralf Hettler/dpa
