Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm gehören zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der deutschen Literaturgeschichte. Ihre Sammlung von Märchen hat nicht nur die europäische, sondern auch die weltweite Kultur maßgeblich geprägt. Doch wie sammelten sie die Geschichten, und vor allem, wie veränderten sie diese im Verlauf ihrer Arbeit? Die Antworten auf diese Fragen werfen ein Licht auf die methodische Vorgehensweise der Gebrüder Grimm und ihre Ambitionen, Märchen nicht nur zu bewahren, sondern auch zu formen. Der Wandel der Erzählungen spiegelt sich in den verschiedenen Auflagen ihrer „Kinder- und Hausmärchen“ wider. Darüber berichtet SoFrankfurt.

Die Sammlung der Märchen: Methode und Motivation der Gebrüder Grimm

Die Brüder Grimm begannen ihre Märchensammlung im Jahr 1806, inspiriert von ihrer Leidenschaft für die deutsche Folklore und ihrer akademischen Tätigkeit als Sprachwissenschaftler. Ihre Arbeit als Professoren an der Universität Göttingen führte sie dazu, das mündliche Erbe der deutschen Volksmärchen zu dokumentieren und zu systematisieren. In ihren frühen Jahren beschäftigten sich die Brüder intensiv mit der Sammlung von Sagen und Geschichten, die sie von Freunden, Bekannten und ländlichen Quellen erhielten. Doch es war nicht nur der bloße Akt der Sammlung, der die Brüder beschäftigte – auch die Veränderungen, die sie an den Geschichten vornahmen, sollten ihre Bedeutung langfristig sichern.

Die Brüder Grimm suchten gezielt nach Märchen, die eine moralische Lehre beinhalteten, was besonders im Hinblick auf die damalige Zeit von Bedeutung war. Im Gegensatz zu vielen anderen Sammlern aus dieser Zeit strebten sie nicht nur nach einer reinen Erfassung von Volksglauben und Sagen, sondern nach einer stilistischen und moralischen Verbesserung. Diese Zielsetzung führte dazu, dass die Märchen in späteren Auflagen zunehmend stilistisch verfeinert und oft auch in ihrer Deutung geändert wurden.

Die Veränderungen in den „Kinder- und Hausmärchen“

Die „Kinder- und Hausmärchen“ wurden erstmals 1812 veröffentlicht und erlebten über die Jahre mehrere Auflagen, bei denen die Brüder Grimm die Märchen immer wieder bearbeiteten. Besonders auffällig sind die Veränderungen in den späteren Ausgaben der Sammlung. Hier eine Übersicht der wichtigsten Veränderungen:

1. Moralische Ausrichtung und pädagogische Zielsetzung

  • In den ersten Auflagen waren viele Märchen noch sehr roh und brutal. Die Brüder Grimm gaben diesen Märchen eine moralische Struktur, indem sie die „bösen“ Charaktere bestrafen und die „guten“ belohnten. Ihre Interpretation verstärkte die traditionellen Werte und hielt an der konservativen Vorstellung von Recht und Ordnung fest.

2. Stilistische Veränderungen

  • Die Sprache der ersten Auflage war noch sehr nah an den mündlichen Erzählungen. In späteren Ausgaben verfeinerten die Brüder Grimm die Sprache, sodass sie flüssiger und eleganter wurde, um ein breiteres Publikum anzusprechen.

3. Entfernung von „unangemessenen“ Inhalten

  • Viele Märchen wurden entschärft, insbesondere solche mit zu viel Gewalt, sexuellen Anspielungen oder heidnischen Elementen. Das Märchen von „Die zertanzten Schuhe“ etwa, das ursprünglich einen gewissen morbiden Charakter aufwies, wurde in späteren Ausgaben stark bearbeitet.

4. Fokus auf das nationale Erbe

  • Die Brüder Grimm begannen, sich zunehmend auf das nationale Erbe der Deutschen zu konzentrieren. Sie sahen sich als Bewahrer der deutschen Volkskultur und passten daher Märchen und Erzählungen an, um einen klaren deutschen Nationalismus zu fördern. Dies war auch ein Reaktion auf die politischen Umwälzungen ihrer Zeit, wie etwa die Napoleonischen Kriege.

5. Einfluss der Romantik

  • In ihren letzten Ausgaben ließen sich die Brüder Grimm auch von der Romantik beeinflussen. Ihre Märchen enthalten vermehrt mystische Elemente, die die Fantasie anregen sollten, und die Darstellung von Natur als einem Ort des Geheimnisses und der Magie wurde zunehmend betont.

Wichtige Märchen und ihre Veränderungen

Einige der bekanntesten Märchen aus der Sammlung der Gebrüder Grimm, wie „Rotkäppchen“, „Hänsel und Gretel“ oder „Aschenputtel“, wurden mehrfach bearbeitet. Diese Änderungen sind oft subtil, aber sie haben die Bedeutung und den Charakter der Geschichten entscheidend geprägt. Ein Blick auf einige der bekanntesten Märchen und die Veränderungen, die sie durchliefen, verdeutlicht die künstlerische und moralische Handschrift der Brüder Grimm.

1. Rotkäppchen

  • In der ersten Ausgabe war das Märchen von „Rotkäppchen“ deutlich düsterer. Der Wolf wird hier direkt von Rotkäppchen selbst getötet, was in späteren Ausgaben verändert wurde. Die Brüder Grimm überarbeiteten die Szene und machten sie weniger gewalttätig, was den moralischen Zweck der Geschichte verstärkte: Die Bestrafung des Wolfes für sein unrechtmäßiges Verhalten.

2. Hänsel und Gretel

  • In der frühen Version von „Hänsel und Gretel“ waren die Kinder von ihren Eltern ausgesetzt, was im Laufe der Jahre zu einem der bekanntesten Aspekte der Geschichte wurde. Doch in der ersten Fassung waren die Eltern weniger schuldhaft und wurden später als weniger verantwortungslos dargestellt, da die Brüder Grimm das Konzept der „guten Eltern“ festigten.

3. Aschenputtel

  • Das Märchen „Aschenputtel“ erlebte ebenfalls eine Veränderung. Während das ursprüngliche Märchen von Gewalt und Übertreibung der bösen Stiefschwestern geprägt war, wurde in späteren Versionen mehr Wert auf die moralischen Lektionen gelegt, wie Gerechtigkeit und das Durchhalten von Tugend.

Weitere Veränderungen durch die Brüder Grimm

Neben den Märchen, die sie sammelten und veränderten, leisteten die Brüder Grimm auch bedeutende Beiträge zur deutschen Sprache und Literatur. Sie entwickelten den Begriff der „Volkspoesie“ und trugen zur Entwicklung eines nationalen Verständnisses von „Volkskultur“ bei. Ihre Sammlungen hatten tiefgreifenden Einfluss auf die Entwicklung der deutschen Sprache und Literatur und trugen zur Entstehung einer deutschen Nationalidentität bei.

Praktische Tipps zur Lektüre der Märchen

Wer sich die „Kinder- und Hausmärchen“ der Gebrüder Grimm heute zu Gemüte führt, sollte folgende Punkte beachten:

  1. Lesen Sie verschiedene Ausgaben: Die Brüder Grimm veröffentlichten mehrere Ausgaben ihrer Märchensammlung. Wenn Sie die Veränderungen nachvollziehen möchten, lohnt sich der Vergleich von frühen und späteren Ausgaben.
  2. Achten Sie auf die historischen Kontexte: Die Veränderungen in den Märchen sind auch ein Spiegel der politischen und gesellschaftlichen Kontexte, in denen die Brüder Grimm lebten. Wer die Märchen versteht, erkennt die Zeitgeschichte, die sie beeinflusste.
  3. Verstehen Sie den moralischen Unterton: Die moralischen Botschaften der Märchen sind oft tiefgründig und bieten wertvolle Lektionen über Tugenden, Recht und Unrecht. Diese Elemente können heute noch in der Erziehung und Kultur des westlichen Raums relevant sein.
  4. Nutzen Sie die Märchen für kreative Inspiration: Die märchenhafte Erzählweise und die Symbolik sind nicht nur für Literaturwissenschaftler von Interesse, sondern auch für Künstler, die sich von den klassischen Motiven inspirieren lassen möchten.
  5. Besuchen Sie die Orte der Märchen: Die Deutsche Märchenstraße führt zu vielen historischen Stätten, die mit den Märchen der Gebrüder Grimm verbunden sind. Ein Besuch dieser Orte ermöglicht eine noch tiefere Auseinandersetzung mit den Geschichten und ihrer Bedeutung.

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