Die Demonstrationswochenende in Gießen, das sich gegen die Neugründung des Jugendflügels der Alternative für Deutschland (AfD) richtete, führte zu massiven Auseinandersetzungen und einer tief gespaltenen Bewertung der Ereignisse. Am Sonntag (30. November) erhob die Aktivistenbewegung "Widerstand" schwere Vorwürfe und sprach von "grundlos und völlig eskalierter Polizeigewalt". Man behauptete, die Polizei habe sich "zu den Faschisten durchgeschlagen". Dabei handelte es sich mutmaßlich um den größten Polizeieinsatz in der Stadtgeschichte, da am Samstag Zehntausende Menschen in und um Gießen gegen die AfD-Jugendorganisation auf die Straße gingen und es dabei zu Zusammenstößen kam, berichtet SoFrankfurt mit Verweis auf Fr.de.
Der hessische Innenminister Roman Poseck (CDU) hingegen sprach am Montag (1. Dezember) von einem "bitteren Beigeschmack" der Demonstrationen. Er meldete, dass mehr als 50 Polizeibeamte verletzt wurden. Die Verletzungen reichten von Faust- und Fußtritten bis zu gebrochenen Armen, zudem seien Einsatzkräfte mit Feuerwerkskörpern beworfen worden. Im Zuge der Proteste gegen die Jugendorganisation der AfD wurden insgesamt drei Personen festgenommen und die Identität von 200 Teilnehmern überprüft, zusätzlich zu zahlreichen Durchsuchungen. Poseck betonte, dass zwar Tausende friedlich für demokratische Werte demonstriert hätten, jedoch ein "erhebliches Gewaltpotenzial" existierte, das sich später entladen habe.
Die Deutung der Geschehnisse ist stark umstritten. Der hessische Ministerpräsident hatte zuvor von "turbulenten Märschen in Gießen" gesprochen und die Ereignisse als "Tiefpunkt der Linken" bezeichnet. Demgegenüber steht die Darstellung des Bündnisses "Widerstand", das in Videos belegen will, wie Polizeikräfte auf eine Gruppe von Protestierenden zuliefen, lautstark schrien und wahllos Frauen und Männer schlugen. Auch der Anwalt Jannik Rienhoff, der mehrere festgenommene Aktivisten des Bündnisses vertritt, bezeichnete den Polizeieinsatz als "Eskalation". Er beurteilte die Videoaufnahmen als Beleg für "massive Polizeigewalt", die "offensichtlich rechtswidrig" und "völlig unverhältnismäßig" gewesen sei. Trotz der divergierenden Meinungen und des anhaltenden Deutungskampfes nach den Protesttagen steht fest, dass die Mehrheit der geschätzten 25.000 bis 50.000 Teilnehmer friedlich gegen die Neugründung der AfD-Jugendorganisation auf die Straße gegangen war. Bürgermeister Frank-Tilo Becher (SPD) fasste die Lage nach den Vorfällen zusammen: „Gießen hat nicht gebrannt, es hat geleuchtet.“
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