Westhausen ist ein Stadtteil im Nordwesten von Frankfurt am Main, der wie kaum ein anderer für die Verbindung von Architektur, sozialer Reformpolitik und Stadtentwicklung im 20. Jahrhundert steht. Entstanden zwischen 1929 und 1931 als Teil der Ernst-May-Siedlungen, gilt Westhausen bis heute als ein lebendiges Denkmal der Architekturmoderne. Die schlichten Reihenhäuser, die Gärten zur Selbstversorgung und die berühmte „Frankfurter Küche“ machten den Stadtteil zu einem Vorzeigeprojekt des sozialen Wohnungsbaus.
Doch Westhausen blieb nicht in den 1920er-Jahren stehen. Der Zweite Weltkrieg, die Nachkriegsjahre mit großen sozialen Veränderungen und die Herausforderungen der Gegenwart haben den Charakter des Viertels geprägt. Heute leben hier rund 6.500 Menschen (Stand 2025), die von der besonderen Mischung aus historischem Erbe, guter Infrastruktur und grüner Umgebung profitieren. Westhausen ist ein Beispiel dafür, wie Architektur nicht nur Räume, sondern auch soziale Strukturen formt. Darüber berichtet SoFrankfurt.
Die frühen Anfänge von Westhausen im Frankfurter Norden
Bevor Westhausen zu einem Stadtteil wurde, war das Gebiet eine landwirtschaftlich genutzte Fläche. Felder, Wiesen und kleine Obstplantagen bestimmten das Bild. Es lag zwischen den bereits bestehenden Dörfern Praunheim und Hausen, die schon im Mittelalter dokumentiert wurden.
Frankfurt selbst wuchs zu Beginn des 20. Jahrhunderts rasant. Zwischen 1875 und 1925 vervierfachte sich die Einwohnerzahl fast. Dieses Wachstum führte zu dramatischer Wohnungsnot. Viele Arbeiterfamilien lebten in engen, dunklen und unhygienischen Wohnungen. Krankheiten, Armut und soziale Spannungen nahmen zu.
Ausgangslage vor dem Bau
- Frankfurt war bis 1925 von 100.000 auf über 450.000 Einwohner gewachsen.
- Wohnungsnot war das dominierende soziale Problem der Stadt.
- Arbeiterfamilien lebten oft mit mehreren Personen in einem Zimmer.
- Die Stadt plante neue, gesunde und bezahlbare Siedlungen.
- Der Norden bot günstige Flächen mit Nähe zu Industriegebieten.
Das Gebiet Westhausen wurde deshalb in die Planungen einbezogen. Es bot ausreichend Platz für eine großflächige Siedlung, die moderne Standards erfüllen sollte.
Der Bau der Siedlung Westhausen in den 1920er-Jahren
Zwischen 1929 und 1931 entstand Westhausen als Teil des Projekts „Neues Frankfurt“, das Ernst May als Stadtbaurat leitete. Ziel war es, nicht nur Wohnungen zu errichten, sondern ein neues Lebensmodell zu schaffen: funktional, hygienisch, sozial.
In Westhausen wurden rund 1.200 Reihenhäuser gebaut. Die Bauweise war standardisiert, um Kosten zu sparen und schnell Ergebnisse zu erzielen. Flachdächer, kubische Formen und weiße Fassaden prägten das Bild. Jeder Haushalt erhielt einen eigenen Garten, der für den Anbau von Gemüse und Obst vorgesehen war. Damit sollten die Bewohner unabhängiger von schwankenden Lebensmittelpreisen werden.
Kerndaten der Siedlung Westhausen
| Zeitraum | Bauträger | Wohneinheiten | Besonderheiten |
|---|---|---|---|
| 1929–1931 | Stadt Frankfurt | ca. 1.200 | Reihenhäuser mit Nutzgärten |
| Leitung | Ernst May | Teil des Projekts „Neues Frankfurt“ | |
| Architektur | Moderne, Kubisch | Flachdächer, weiße Fassaden | |
| Innovationen | Schütte-Lihotzky | „Frankfurter Küche“ als Standard |
Soziale Zielsetzung
- Schaffung von gesundem und lichtdurchflutetem Wohnraum
- Förderung der Eigenversorgung durch Privatgärten
- Rationalisierung der Hausarbeit durch die „Frankfurter Küche“
- Integration von Grünflächen für Erholung und Gemeinschaft
- Bezahlbare Mieten für Arbeiterfamilien
Damit war Westhausen nicht nur ein Bauprojekt, sondern ein gesellschaftliches Reformexperiment.

Architektur und Bedeutung der Ernst-May-Siedlung
Die Siedlung Westhausen ist bis heute ein Musterbeispiel moderner Architektur. Sie zeigt, wie Funktionalität und soziale Verantwortung Hand in Hand gehen können.
Die Häuser wurden bewusst schlicht gestaltet. Kubische Formen, Flachdächer und weiße Fassaden gaben dem Viertel ein modernes Aussehen. Innen waren die Wohnungen effizient aufgeteilt, sodass auch kleine Grundrisse praktikabel waren. Besonders bemerkenswert war die konsequente Nutzung standardisierter Bauelemente, die eine schnelle und kostengünstige Errichtung ermöglichte. Zudem spiegelte die Gestaltung das Ideal wider, dass Wohnen nicht nur praktisch, sondern auch gesund und sozial integriert sein sollte.
Architektonische Merkmale
- Klare Linien, Flachdächer und kubische Bauweise
- Reihenhäuser in gleichmäßigen Anordnungen
- Private Gärten hinter jedem Haus
- Integration von Spielplätzen und Grünflächen
- Standardisierte Grundrisse für kostengünstigen Bau
Bedeutung über Frankfurt hinaus
Die Ernst-May-Siedlungen, darunter Westhausen, machten Frankfurt weltweit bekannt. Architekten und Stadtplaner aus ganz Europa und den USA kamen, um die Siedlungen zu besichtigen. Westhausen wurde zu einem Modell, wie sozialer Wohnungsbau funktionieren kann – schlicht, funktional, aber mit hoher Lebensqualität.
Westhausen nach dem Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit
Der Zweite Weltkrieg zerstörte weite Teile Frankfurts. Westhausen blieb jedoch vergleichsweise verschont. Nur einzelne Häuser wurden beschädigt. Nach 1945 mussten aber Dächer, Fenster und Heizungen erneuert werden.
Die Nachkriegszeit brachte neue Herausforderungen. Viele Heimatvertriebene aus den Ostgebieten zogen nach Frankfurt und fanden in Westhausen ein neues Zuhause. In den 1950er- und 1960er-Jahren folgten Gastarbeiterfamilien aus Südeuropa und der Türkei. So wurde Westhausen zu einem multikulturellen Viertel. Die soziale Zusammensetzung änderte sich deutlich: aus einem homogenen Arbeitermilieu entstand eine vielfältige Nachbarschaft mit unterschiedlichen Kulturen, Sprachen und Lebensweisen. Diese Entwicklung prägte das Gemeinschaftsleben nachhaltig und verlieh dem Stadtteil eine bis heute spürbare internationale Ausrichtung.
Entwicklungen 1945–1980
- Reparatur beschädigter Gebäude und Einführung moderner Heizsysteme
- Ausbau von Schulen, Kindergärten und Nahversorgung
- Zuzug von Flüchtlingen, Heimatvertriebenen und Gastarbeitern
- Bau kleinerer Mehrfamilienhäuser zur Entlastung des Wohnungsmarkts
- Beginn von sozialen Integrationsprojekten in den 1970ern
Modernisierungsschritte
Die Stadt modernisierte Westhausen schrittweise:
- Dämmung und neue Fenster ab den 1960er-Jahren
- Ausbau der Verkehrsanbindung durch Buslinien und U-Bahn
- Bau von Spielplätzen, Sportanlagen und Grünflächen
- Renovierungen zur Anpassung an aktuelle Wohnstandards
- Stärkung des sozialen Zusammenhalts durch Vereine und Initiativen
Das heutige Westhausen: Wohnen, Verkehrsanbindung und Lebensqualität
Im Jahr 2025 ist Westhausen ein ruhiger Stadtteil mit hoher Wohnqualität. Der historische Kern der Ernst-May-Siedlung wurde modernisiert, ohne seine Struktur zu verlieren. Der Denkmalschutz sorgt dafür, dass die ursprüngliche Architektur erhalten bleibt.
Die Verkehrsanbindung ist ausgezeichnet: Die U-Bahn-Linie U6 bringt die Bewohner in rund 15 Minuten in die Innenstadt. Buslinien und Radwege ergänzen die Infrastruktur. Westhausen bietet Nahversorgung, Ärzte, Apotheken, Schulen und Sportmöglichkeiten direkt im Viertel.

Alltag und Infrastruktur heute
- Gute Grundversorgung durch Schulen, Kitas und Ärzte
- Einkaufsmöglichkeiten in Westhausen und benachbarten Stadtteilen
- Freizeitangebote durch Vereine, Parks und Sportanlagen
- Nähe zur Nidda und zum Grüngürtel für Spaziergänge und Sport
- Ruhiges Wohnumfeld trotz schneller Anbindung ans Zentrum
Tipps für Bewohner und Besucher
- Spaziergänge durch die Ernst-May-Siedlung – ein Stück Architekturgeschichte.
- Nutzung der Privatgärten für nachhaltigen Gemüseanbau.
- Teilnahme an Stadtteilfesten zur Förderung der Nachbarschaft.
- Achten Sie bei Renovierungen auf die strengen Denkmalschutzauflagen.
- Nutzen Sie die U6 für schnelle und umweltfreundliche Fahrten ins Zentrum.
Zukunftsperspektiven
Westhausen steht auch in Zukunft vor Herausforderungen:
- Steigende Mieten und Druck auf den Wohnungsmarkt
- Energetische Sanierungen im Spannungsfeld zum Denkmalschutz
- Diskussionen über soziale Durchmischung und Integration
- Potenzial für Ergänzungsbauten, ohne die Struktur zu zerstören
- Stärkung der Gemeinschaft durch Kultur- und Bildungsprojekte
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