Immer mehr Menschen in Deutschland finden unerwartet kleine Tütchen mit Saatgut in ihrem Briefkasten – ohne eine Bestellung aufgegeben zu haben. Die Behörden raten in diesen Fällen zu äußerster Vorsicht. Sämtliche Samen sollten nicht ausgesät, sondern ausschließlich im Hausmüll entsorgt werden. Darüber berichtet SoFrankfurt unter Berufung auf fnp.de.

Das Julius Kühn-Institut (JKI) in Braunschweig, das Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen, warnt eindringlich vor den möglichen Folgen solcher Sendungen. „Von solchem unbekannten Saatgut geht eine Gefahr für unsere Natur, das urbane Grün mit Gärten und Parks und sogar die Landwirtschaft aus“, erklärt Bernhard Schäfer vom JKI. Die Experten weisen darauf hin, dass es sich um invasive Arten handeln könnte, die sich unkontrolliert verbreiten und heimische Pflanzenarten verdrängen. Hinzu kommt die Gefahr, dass das Saatgut mit Krankheiten oder Schädlingen belastet sein könnte. Deshalb sei es auch generell nicht ratsam, Saatgut aus Drittländern wie China zu beziehen – selbst dann nicht, wenn die Begleitdokumente offiziell korrekt erscheinen.

Dass invasive Arten ein akutes Problem darstellen, zeigt sich bereits: In Hessen breiten sich etwa der Japankäfer und die Tigermücke aus. Solche Beispiele verdeutlichen, welches Risiko von importiertem, unkontrolliertem Saatgut ausgehen kann.

Die Dimension der Problematik wird durch Zahlen belegt: Am Flughafen Frankfurt beschlagnahmte die Pflanzengesundheitsinspektion in den ersten fünf Monaten des laufenden Jahres rund 65.000 Sendungen mit Saatgut aus China, denen die notwendigen Pflanzengesundheitszeugnisse fehlten. Bereits 2020 hatte das Regierungspräsidium Gießen mehr als 126.000 solcher verdächtigen Sendungen im gesamten Jahr registriert. Eine Sprecherin des JKI bestätigte, dass es sich bei der überwiegenden Mehrheit um nicht bestelltes Saatgut gehandelt habe. Auffällig war zudem, dass viele dieser Päckchen falsch deklariert waren, etwa als „Ohrschmuck“ oder „Grußkarten“.

Das Phänomen konzentriert sich insbesondere auf Frankfurt, da sich hier das zentrale DHL-Postzentrum befindet, von dem aus Lieferungen aus China in alle Teile Deutschlands verteilt werden. In anderen Bundesländern treten vergleichbare Fälle bisher deutlich seltener auf, erklärten die zuständigen Behörden.

Über die Hintergründe der unbestellten Sendungen gibt es unterschiedliche Vermutungen. Fachleute gehen davon aus, dass es sich um sogenannten „Brushing Scam“ handeln könnte. Dabei werden Waren, in diesem Fall Saatgut, bewusst verschickt, um fingierte Bestellungen zu erzeugen, die Verkaufszahlen künstlich in die Höhe treiben oder gefälschte Nutzerbewertungen absichern sollen. Saatgut eigne sich besonders gut für diese Methode, da es kostengünstig ist und unkompliziert per Briefpost versandt werden kann.

Eine weitere Theorie besagt, dass durch die Sendungen gezielt Eintrittspunkte in die Europäische Union getestet werden. Ziel sei es, Schwachstellen in der Importkontrolle zu identifizieren und herauszufinden, über welche Wege nicht genehmigungsfähige Waren leichter ins Land gelangen könnten. Laut Regierungspräsidium Gießen sei auch dieses Szenario nicht auszuschließen.

Ähnliche Fälle wurden bereits aus anderen EU-Staaten gemeldet. Deutsche Behörden betonen daher die Notwendigkeit, dass China stärker in die Pflicht genommen und zur Einhaltung von Zoll- sowie pflanzengesundheitlichen Vorschriften verpflichtet werden müsse.

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Foto von K. Kaminski/Julius Kühn-Institut (JKI)/dpa

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