Es ist ein bekanntes Paradox der Digitalisierung: Während die Gesellschaft immer stärker auf digitale Dienste angewiesen ist und selbst alltägliche Prozesse längst durch Künstliche Intelligenz unterstützt werden, stoßen die dafür notwendigen Rechenzentren in den Kommunen oft auf Widerstand. Kaum jemand möchte solch ein Bauwerk in der Nachbarschaft haben, vielerorts werden Projekte mit großer Leidenschaft bekämpft. Dass sich das Rhein-Main-Gebiet dennoch besonders eignet, liegt am DE-CIX, dem größten Internetknotenpunkt der Welt, der Frankfurt und die umliegende Region zu einem logischen Standort für derartige Infrastrukturen macht. Darüber berichtet SoFrankfurt unter Berufung auf op-online.de.
In Offenbach hat sich bereits das US-Unternehmen Cloud HQ am Lämmerspieler Weg angesiedelt. Auf dem 15 Hektar großen Gelände ist das erste von zwei geplanten Rechenzentren, bekannt als FRA01, bereits in Betrieb. Der Rohbau des zweiten Gebäudes ist nach Angaben von Country-Manager Andreas Graf-Matzner kürzlich abgeschlossen worden. Jedes der beiden Zentren ist auf eine Leistung von 56 Megawatt ausgelegt. „Jetzt beginnt der Innenausbau“, erklärte Graf-Matzner. Die Fassade soll teilweise begrünt werden, um ökologische Aspekte stärker einzubinden.
Die Inbetriebnahme ist in Etappen vorgesehen. Schon im ersten Quartal 2026 soll die erste Datenhalle verfügbar sein. Danach will Cloud HQ alle drei bis sechs Monate weitere Bereiche eröffnen, sodass Mitte 2027 das zweite Rechenzentrum vollständig in Betrieb gehen könnte. Entgegen der verbreiteten Ansicht, Rechenzentren brächten nur wenige Arbeitsplätze, sollen nach dem Ausbau rund 150 Menschen am Standort beschäftigt werden – darunter Techniker, IT-Spezialisten, Sicherheitskräfte, Reinigungspersonal sowie externe Dienstleister.
Darüber hinaus plant Cloud HQ ein weiteres Projekt auf dem Gelände des früheren „Akzo Nobel“-Werkes an der Kettelerstraße. Dort ist ein „grünes Vorzeigezentrum“ mit einer Kapazität von 93 Megawatt auf einer Fläche von rund 50.000 Quadratmetern vorgesehen. Die Abrissgenehmigung für die alten Industriegebäude liegt vor, noch in diesem Jahr sollen diese entfernt werden. Parallel laufen die letzten Abstimmungen für die Baugenehmigung. Ein bemerkenswertes Detail betrifft ein historisches Sandsteintor mit Gitter, das von der traditionsreichen Firma Schramm-Lacke stammt, die einst auf dem Gelände tätig war. Das Tor steht zwar nicht unter Denkmalschutz, soll aber nach Wunsch der Stadt erhalten bleiben und in das neue Areal integriert werden.
Zum genauen Zeitplan äußerte sich Graf-Matzner zurückhaltend. „Das ist ein altes Fabrikgelände, das ist wie ein Überraschungsei, was Bodenkontamination anbelangt“, erklärte er. Bei der Vorstellung der Pläne war von einem operativen Betrieb frühestens im Jahr 2027 oder 2028 die Rede.
Neben diesen Projekten gibt es Überlegungen zu einem weiteren Rechenzentrum an der Waldstraße, genauer gesagt an der Rowentastraße. Dort befinden sich derzeit noch ein Fitnessstudio, ein Gebrauchtwagenhändler und eine Kfz-Werkstatt. Eine Bauvoranfrage liegt bereits vor, doch über Größe und Zeitplan ist bisher wenig bekannt. Das verantwortliche US-Unternehmen reagierte bislang nicht auf entsprechende Anfragen. Auch das Frankfurter Büro „TTSP HWP“, das mit der Planung betraut sein soll, schwieg. Lediglich der Netzbetreiber ENO bestätigte den Antrag für den Bau. TTSP HWP gilt als renommierte Planungsfirma, die bereits mit dem mehrfach ausgezeichneten „Green Cube“ in Darmstadt Maßstäbe für nachhaltige Rechenzentrumsarchitektur gesetzt hat.
Der Bedarf an neuen Flächen ist enorm. Frankfurt selbst gilt derzeit als ausgelastet, was den Druck auf umliegende Städte wie Offenbach oder Hanau erhöht. „In Frankfurt sind die Kapazitäten aktuell erschöpft, das erhöht den Druck auf das Umland“, erklärte Harald Hofmann, Sprecher der EVO. Auf deren Gelände ist ebenfalls ein Rechenzentrum entstanden. Das Energieunternehmen investiert derzeit mehrere Hundert Millionen Euro, um seine Stromversorgung um das Sechsfache auszubauen. „Doch selbst dann könnten wir nicht alle Anfragen bedienen“, so Hofmann weiter.
Wie sich die Projekte an der Rowentastraße und den weiteren Standorten entwickeln, bleibt spannend. Klar ist jedoch, dass Offenbach sich zunehmend zu einem der wichtigsten Standorte für Rechenzentren in Deutschland entwickelt – mit allen Chancen und Konflikten, die damit verbunden sind.
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Foto von Sommer, Frank








