Wie gefährlich ist Russlands 9M729 Marschflugkörper in der Ukraine – und was bedeutet sein Einsatz für Europa? Russland hat im Herbst 2025 seinen umstrittenen 9M729 Marschflugkörper „Nowator“ gegen Ziele in der Ukraine eingesetzt. Damit greift Moskau auf ein Waffensystem zurück, das vor wenigen Jahren einen der wichtigsten Abrüstungsverträge der Welt zu Fall brachte. Nach Recherchen von Reuters und RBC-Ukraine wurden seit August mehr als zwanzig dieser Raketen abgefeuert; eine davon legte über 1 200 Kilometer zurück. Der Einsatz der 9M729 Marschflugkörper in der Ukraine zeigt, dass Russland bereit ist, Waffen einzusetzen, die internationale Sicherheitsnormen bewusst verletzen – und rückt Europa erneut in den Fokus strategischer Bedrohung. SoFrankfurt berichtet unter Berufung auf Renewz.de, FAZ und Wikipedia.
Die 9M729, entwickelt vom Rüstungskonzern NPO Nowator in Jekaterinburg, ist eine bodengestützte Version der bekannten „Kalibr“-Rakete. Sie wird über mobile Iskander-M-Systeme (9K720) abgefeuert und kann sowohl konventionelle als auch nukleare Sprengköpfe tragen. Offiziell gibt Moskau eine Reichweite unter 500 Kilometern an – westliche Geheimdienste schätzen sie jedoch auf bis zu 2 350 Kilometer. Damit kann Russland aus eigenem Territorium nahezu jedes Ziel in Europa erreichen.
Technik und Fähigkeiten
Der 9M729 ist rund 8 Meter lang, wiegt 4 ½ Tonnen und erreicht Geschwindigkeiten von über Mach 0,8. Die Rakete nutzt ein Trägheits- und Satellitennavigationssystem (GLONASS) und erzielt eine Treffgenauigkeit von unter 10 Metern. Gestartet wird sie von MAZ-543-Transportern, die bis zu sechs Raketen tragen können. Nach Angaben westlicher Militäranalysten erlaubt ihr mobiles Design schnelles Verlegen und vermeidet frühe Erkennung durch Satelliten.
Strategische Bedeutung
Militärexperten sehen im Einsatz der 9M729 eine neue Form russischer Abschreckung. Sie ermöglicht präzise Angriffe aus dem russischen Hinterland und unterläuft damit die ukrainische Luftverteidigung. „Die 9M729 verschiebt die Grenzen zwischen konventioneller und nuklearer Kriegsführung“, sagte ein europäischer Analyst gegenüber Reuters. Ihre Reichweite und Mobilität machten sie politisch brisanter als ihre Sprengkraft.
Bekannte Standorte dieser Systeme liegen laut FAZ bei Kapustin Jar (Wolgograd), Jekaterinburg, Mozdok (Nordossetien) und Schuja bei Moskau – alles potenzielle Stützpunkte für nuklearfähige Raketen.
Vom INF-Vertrag zum neuen Wettrüsten
Der INF-Vertrag (Intermediate-Range Nuclear Forces Treaty) von 1987 zwischen den USA und der Sowjetunion verbot landgestützte Raketen mit Reichweiten zwischen 500 und 5 500 Kilometern. 2019 kündigten die USA unter Donald Trump den Vertrag mit dem Verweis auf Verstöße durch Moskau. Mit diesem Schritt endete eine Ära der Rüstungskontrolle und es begann eine Phase neuer technologischer Aufrüstung auf beiden Seiten.
Bedeutung für Europa und die Welt
Der Einsatz der 9M729 in der Ukraine ist nicht nur ein militärisches Signal, sondern ein Wendepunkt in der europäischen Sicherheitsordnung. Russland demonstriert damit, dass es bereit ist, Systeme einzusetzen, die internationale Abrüstungsabkommen faktisch außer Kraft setzen. Für die Ukraine bedeutet das Angriffe aus der Tiefe russischen Territoriums, oft weit außerhalb der Reichweite vorhandener Abwehrsysteme. Für Europa zeigt sich das Ende einer Ära, in der Stabilität und Rüstungskontrolle als selbstverständlich galten.
Die 9M729 „Nowator“ symbolisiert heute das Versagen globaler Sicherheitsmechanismen. Ihre technische Kombination aus Reichweite, Präzision und Mobilität macht sie zu einem Instrument strategischer Erpressung. Der tieffliegende Marschflugkörper kann Ziele mit hoher Genauigkeit treffen, wird jedoch durch Radar erst spät erkannt und erschwert damit jede Verteidigung.
Mit einer geschätzten Reichweite von bis zu 2 300 Kilometern ist sie in der Lage, ganz Europa zu erreichen – eine Fähigkeit, die alte Gleichgewichte zerstört. Während Moskau offiziell von konventionellen Einsätzen spricht, bleibt die Option nuklearer Bestückung bestehen. Diese Unklarheit allein genügt, um politische Spannungen zu verschärfen.
Für die Bevölkerung in Europa bedeutet das eine neue Realität: kritische Infrastruktur, Energieversorgung und Kommunikationsnetze werden wieder zu potenziellen Zielen. Die militärische Balance verschiebt sich – nicht durch Masse, sondern durch technologische Präzision. Europa steht damit vor der Herausforderung, sein Sicherheitskonzept neu zu definieren, um einer Bedrohung zu begegnen, die leiser, schneller und schwerer vorhersehbar ist als alles, was seit dem Kalten Krieg existierte.
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